Ein Frühdienst in der Unfallchirurgie

Gastbeitrag Teil IV

5 Uhr morgens, mein Wecker klingelt – der Frühdienst ruft.
Eine Stunde später sitze ich, wenn alles gut läuft und sich niemand krankgemeldet
hat, mit drei weiteren Kollegen bereits am Tisch – startklar für die Übergabe von
zwei Nachtdienstkollegen.
Nachdem ich mir ca. 30min alle neuen und wichtigen Details der Patienten angehört
habe, fällt die obligatorische Frage: „Wie teilen wir uns auf?“ Unsere Station, die für
insgesamt 34 Patienten ausgelegt ist, wird in zwei Bereiche geteilt. Zwei Kollegen
jeweils für einen Bereich à 17 Patienten. Nur leider gehört diese optimale Aufteilung
nicht zum Alltag. Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen wäre eine 1:8
Betreuung optimal.
Zunächst steht auf dem Plan, ggf. Infusionen vorzubereiten und die Prä-
Medikation der Patienten für die anstehenden Operationen mitzunehmen. Blutdruck- und Blutzuckermessgerät, ein Telefon und natürlich ganz wichtig die Kurven dürfen auf meinem Wagen für die erste Runde nicht fehlen.
Gestartet wird meistens in den Zimmern, in denen Operationen bei Patienten
anstehen. Sie haben oberste Priorität, da jederzeit der OP anrufen könnte und die
geplanten Patienten abruft. Dann muss alles zügig gehen, aber dazu im Folgenden
mehr.
Zunächst werden die Vitalzeichen (Blutdruck, Puls und Temperatur) ermittelt und die Schmerzstärke der Patienten erfragt. Dies ist wichtig, um morgens einen ersten
Eindruck über den Allgemeinzustand des Patienten zu erhalten und ggf.
Komplikationen zu erkennen. Bei Patienten mit Diabetes wird der Blutzucker
gemessen.

Eine meiner Patienten an diesem Tag ist eine 78 Jahre alte Frau, mit
Oberschenkelhalsfraktur rechts. Sie hat heute ihre OP. Da sie nicht aufstehen kann,
stelle ich eine Waschschüssel an ihr Bett und unterstütze sie bei der Körperpflege.
Außerdem muss ich das Bett komplett neu beziehen, das ist eine Arbeitsanweisung
vor Operationen. Jede Bewegung, die ich mit ihr durchführe, schmerzt ihr
sehr. Ich bitte sie das OP-Hemd anzuziehen, lege die Haube unter das Kopfkissen
und fordere sie auf, Schmuck oder Zahnprothesen zu entfernen und weise sie
darauf hin ihre Medikamente an diesem Morgen lediglich mit einem kleinen Schluck
Wasser einzunehmen, da die Patienten nüchtern zur OP erscheinen müssen.
In dem Vierbett-Zimmer liegt außerdem eine dementiell erkrankte Dame mit einer Schädelprellung unter ASS und einer Kopfplatzwunde. Sie möchte ständig das Bett verlassen und kann nicht verstehen, dass sie nicht alleine aufstehen soll. Ich muss, während ich die anderen Patientinnen im Zimmer versorge, immer ein Auge auf sie haben. Bei der Versorgung der dementiell erkrankten Patientin ist zu beachten, dass ich eine Vigilanzkontrolle durchführe. Das heißt die Pupillenreaktion genau zu überprüfen. Dadurch können Blutungen im Gehirn erkannt werden. Des Weiteren zählt dazu den Bewusstseinszustand der Patientin wahrzunehmen und evtl.
Wesensveränderungen oder Eintrübungen festzustellen.
Ich begleite sie danach an das Waschbecken und gebe ihr Anleitung und
Hilfestellungen für die Körperpflege, dabei ist besonders Feinfühligkeit und Empathie gefragt. Danach begleite ich sie wieder zurück ins Bett und führe einen
Verbandswechsel der Kopfplatzwunde durch, dabei reinige ich die Wunde mit einem
Hautdesinfektionsmittel. Dies toleriert die Patientin kaum, das bedeutet für mich –
erhöhter Schwierigkeitsgrad sauber zu arbeiten.

Frühstück gibt es für die Patienten ca. 7:30 Uhr, dieses wird in der Woche von einer
Versorgungsassistentin ausgeteilt. Bis dahin muss ich bei allen Patienten auf meiner
Seite der Station Blutzucker gemessen haben und schauen wer, wie viel Insulin
bekommt.
Bevor das Frühstück ausgeteilt wird, habe ich es mit meiner Kollegin geschafft, 1- 2
Zimmer zu versorgen – sprich Körperpflege, Vitalzeichen messen, ggf.
weniger aufwendige Verbandswechsel durchführen und die Mobilisation für das
Frühstück.
Falls notwendig, ist es unsere Aufgabe Essen bei nicht selbstständigen Patienten
anzureichen.
8:00 Uhr, das Telefon klingelt, die OP Schleuse ruft meine 78 -jährige Patientin ab. Die
Patienten müssen wir selbst einschleusen, das machen wir zu zweit. Die Akte und die
Kurve der Patientin müssen mitgenommen werden. Ein letzter Blick, ob die OP-Aufklärungen vorhanden sind – Check! Jetzt muss es zügig gehen.
Während meine Kollegin das Bett vom Strom löst und alles zur Abfahrt vorbereitet,
erhält die Patientin ihre verordnete Prä-Medikation von mir sowie die OP-Haube.
Samt Bett fahren wir dann zur Schleuse und gemeinsam mit dem OP-Team wird
eingeschleust. Ein kleiner Mut-Zuspruch für die Patientin sollte bei den zügigen
Arbeitsabläufen nicht verloren gehen. Rasch geht es dann wieder auf die Station
nach oben.

Zeitgleich findet die Visite statt, die entweder von der Stationsleitung oder der
Schichtführung begleitet wird.
Während die Patienten frühstücken, dokumentieren wir schon die ersten Maßnahmen im Pflegebericht und die Kollegin, die die Visite begleitet hat, informiert uns über die weitere Versorgung der Patienten oder neue Anordnungen.
Meistens wird dann direkt angefangen ein paar Anordnungen auszuarbeiten.
Und dann knurrt auch so langsam der eigene Magen. Einer von uns bereitet frischen
Kaffee zu und deckt den Tisch, sodass wir gegen 9:00 Uhr endlich etwas essen
können. In der halben Stunde Pause wechseln wir uns ab, wer zur Klingel geht oder
wenn das Telefon klingelt. Und je nach Tagesform kann aus der 30-minütigen Pause
auch eine 15-Minütige werden.
Während wir essen, kommen auch unsere Physiotherapeuten auf die Station. Mit
ihnen müssen wir uns absprechen, sodass wir uns nicht gegenseitig bei der Arbeit
behindern.

In der 2. Runde werden die restlichen Zimmer versorgt. Es ist darauf zu achten, dass
alle Patienten ihre Morgenmedikation genommen haben. Außerdem fallen auch
Tätigkeiten an wie, Redon-Drainagen, die vorübergehend im OP-Gebiet belassen
wurden, zu ziehen, Blut abzunehmen, Fixateurpflege durchzuführen oder Patienten
zur Toilette zu begleiten.
Zwischendurch finden natürlich auch Angehörigengespräche oder ein Austausch mit
unserer Sozialarbeiterin statt.
Der Frühdienst neigt sich dem Mittag zu, Blutzucker messen steht erneut auf dem
Programm und natürlich wieder die Mobilisation der Patienten. Das Mittagessen
müssen wir nun selbst austeilen.

Erneut wird sich an die zeitaufwendige Dokumentation per Hand gesetzt, ggf.
erfolgen Fotodokumentationen von Wunden (z.B. Dekubiti) im SAP-Programm.
Die Dokumentation soll so knapp wie möglich sein, aber dennoch alle
wichtigen und relevanten Informationen über den Patienten enthalten. Dies betrifft
z.B. den Allgemeinzustand, Vitalzeichen, Wundverhältnisse, Fortschritte in
der Mobilisation, Veränderungen in der Medikation und das weitere Vorgehen im
Behandlungspfad. Es ist wichtig auf den Punkt zu dokumentieren, damit die
nachfolgende Schicht bestens über den Patienten informiert ist – nur so kann eine
adäquate Versorgung ohne Unterbrechungen oder Lücken fortgeführt werden.
Falls Entlassungen von Patienten bevorstehen, sei es in ihr Pflegeheim zurück oder
in die Reha, sind Pflegeüberleitungsbögen anzufertigen und Transporte für die
Patienten zu bestellen. In diesen Bögen werden die weiterversorgenden
Einrichtungen über allgemeine Daten (Name, Geburtsdatum, Krankenkasse,
Pflegegrad, Ansprechpartner/Angehörige), die Diagnose,
Bewusstseinszustand/Orientierung, die Kommunikation (Sehstörung/Hörstörung),die
Schmerzsituation, die Bewegung (Aufstehen/Gehen/Sitzen/Gehhilfen), die
Körperpflege (uneingeschränkt selbstständig/eingeschränkt/abhängig/ Hautzustand),
die Ernährung (Ernährungszustand/selbstständig/eingeschränkt/abhängig) sowie die
Ausscheidung (Stuhl- oder Urininkontinenz) informiert. Da die Entlassung aus dem
Krankenhaus in eine Pflegeeinrichtung eine bedeutungsvolle Schnittstelle in der
Versorgung darstellt, ist es äußerst wichtig, dass eine Pflegefachkraft dabei korrekte
Angaben macht – das setzt voraus, dass sie den Patient genaustens kennt und über
seinen Verlauf in der Versorgung Bescheid weiß.Nachdem wir das Mittagessen wieder eingesammelt und dabei kontrolliert haben ob die Medikamente eingenommen wurden, versorgen wir inkontinente Patienten mit frischem Inkontinenzmaterial.

13:15 Uhr, so langsam trudelt der Spätdienst ein – bestehend aus drei Pflegekräften und ja wieder dasselbe…wenn alles gut läuft.
13:30 Uhr beginnen wir mit der Übergabe, dabei gehen wir von Zimmer zu Zimmer, machen also eine Übergabe am Bett.
14:00 Uhr geht der arbeitsreiche Frühdienst dann zu Ende. Mein Magen hängt in den
Knien, die Füße tun weh.
Kein Tag auf Station verläuft wie der Tag davor. In jedem Dienst habe ich eine hohe
Fremdverantwortung zu tragen. Ich muss Entscheidungen treffen, hohe Kompetenz
haben – denn mein Handeln hat Konsequenzen.
Das Gerüst unserer Arbeit hat sich in den letzten Jahren stark verändert, die Bedarfe
unserer Patienten nicht. Es sind unsere Angehörigen. Und jeder der sie versorgt und
pflegt, benötigt einen angemessenen Rahmen dafür.

#Pflegegehtunsallean!

Eure Maria